Mittwoch, 7. August 2013

Feiern auf Brasilianisch


Ein gemustertes Kleid mit Schleifen vom Flohmarkt, ein Strohhut und geschminkte Sommersprossen: Das ist meine Verkleidung für die „Festa Junina“, das Juni-Fest auf das Ana, Maria, Sarah, ihr Freund Neto, sein Bruder und ich fahren.

So zurechtgemacht soll ich aussehen wie eine „caipira“, eine Frau aus dem Inland. Denn die Tradition der Juni-Feste kommt von dort. So wie das Oktoberfest im September begangen wird, feiern die Brasilianer den Juni zu großen Teilen im Juli. Also im kältesten Monat des Jahres. Auf den traditionellen Dorffeten werden Glühwein und heiße Schokolade mit Rum ausgeschenkt. Eine Band spielt Sertaneja, eine Art brasilianischer Country (Stichwort: Michel Telós „Nossa, nossa“) und die Caipiras tanzen Quadrilhas, Gruppen-Standardtänze.

Noch vor etwa 20 Jahren feierte an der Küste niemand die Feste aus dem Inland. Die Region galt als rückständig und die jungen Leute tranken lieber Rum oder Whisky (den die Brasilianer übrigens „Uísque“ schreiben) als Cachaça, welche die Caipiras auf dem Land brennen - daher auch der Name Caipirinha.

Heute sind die Cariocas ganz wild auf diese Partys und darauf, sich als Dorfbewohner zu verkleiden – wobei viele eher aussehen, wie amerikanische Cowboys als wie brasilianische Landmenschen. Neto erklärt mein Flohmarkt-Kleid deshalb für das authentischste Kostüm, bevor wir in den Bus steigen, der uns zu einem Landhaus von Freunden seines Bruders bringt.

Bunte Fähnchen schmücken jede Festa Junina

Abgesehen davon, dass die meisten Gäste Jeans, Strohhüte, Karo-Hemden und Stiefel tragen und wir im gewaltigen Garten eines ziemlich eleganten Anwesens feiern, läuft die Party so ähnlich ab wie die meisten Partys in Rio: Es wird viel getrunken und ab Mitternacht läuft Baile Funk, auch Funk Carioca genannt. Auf einen harten Beat rappen oder singen die Musiker gewaltverherrlichende und sexistische Texte. Die weniger harten Lieder dieses Genres schaffen es regelmäßig in die Clubs der reichen Zona Sul und auf Studentenpartys.

Ursprünglich legten DJs den Funk auf riesigen Partys in den Favelas auf, die vor allem dazu dienten, den Drogenverkauf anzukurbeln. In vielen befriedeten Favelas hat die Militärpolizei diese Feste deshalb verboten. Der Baile Funk ist in Rio unterdessen zu einem interessanten Massenphänomen geworden: alle hören ihn gerne und niemand gibt es zu. Unvergesslich ist für mich, wie João auf einer Party auf dem Historiker-Campus laut mitsang und Arme und Hüften schwenkte, während er erklärte: „Diese Musik ist furchtbar, wirklich, die Texte sind ganz schlimm und frauenverachtend. Nur der Beat reißt einen irgendwie mit…“.

Auch auf der Juni-Party tanzen die Freunde und Freundinnen von Neto und seinem Bruder so, wie es die Videoclips vormachen: Mit kreisendem und vibrierendem Hintern geht man in die Knie, runter bis zum Boden („até o chão“), die Mädels meistens mit einer Freundin vor und/oder hinter sich. Eine eindeutig-zweideutige Art zu tanzen, an die ich mich nicht gewöhnen kann. Wenn eine Brasilianerin anfängt, sich scherzhaft an mir zu reiben, werde ich rot und wünsche mir, in der Tanzfläche würde sich ein Loch auftun, in dem ich verschwinden könnte.

Außerdem typisch für brasilianische Partys: Es wird geknutscht – unabhängig von der Musik, die läuft. „Divirtete e beija na boca“, vergnüge dich und küsse auf den Mund, ist eine übliche Redewendung in Brasilien. Feiern heißt flirten und beim Tanzen versuchen die Männer regelmäßig, ihre Tanzpartnerin zu küssen, oft mit Erfolg. Zu mehr kommt es meistens nicht: Junge Brasilianer und Brasilianerinnen wohnen entweder noch bei ihren Eltern oder teilen sich ein Zimmer mit mehreren anderen Studenten. Außerdem haben die Frauen Angst um ihren Ruf – beim Knutschen verliert man den aber offenbar nicht. Als ich neulich mit meinen Mitbewohnerinnen und Freundinnen von ihnen in Lapa unterwegs war, knutschten irgendwann alle, bis auf ein Mädchen und mich. Daraufhin teilten wir beide uns ein Taxi zurück nach Niterói.

Auch auf dem Juni-Fest wird fleißig geküsst, doch es bilden sich auch viele größere Gruppen, die im Kreis tanzen. Ab zwei Uhr morgens wird wieder Country-artige Musik gespielt und ich hüpfe mit den anderen Ringelreihen, einerseits, weil das ziemlich viel Spaß macht und die ausgelassene Stimmung der anderen einfach ansteckend ist und andererseits, weil ich sonst erfrieren würde in diesem Garten in den Bergen am Ende der Stadt.

Eine Freundin von Sarah verlässt in einer kleinen Gruppe die Tanzfläche, sie kehrt grinsend und mit geröteten Augen zurück. Wie auch Sarah arbeitet das Mädchen für eine Nichtregierungsorganisation in einer Favela. Ich frage mich, ob sie nicht mehr tun würde für die Menschen dort, wenn sie in den USA geblieben wäre und keine Drogen in dem Armenviertel kaufen würde – schließlich ist der Drogenhandel und die Herrschaft der Drogenbosse das größte Problem für die Menschen dort.

Doch anstatt eine Diskussion darüber anzufangen, tanze ich noch ein wenig eingehakt mit fremden und bekannten Menschen im Kreis, bevor ich erschöpft und zufrieden in den Bus-Sitz sinke.

Montag, 5. August 2013

„Es sind nicht nur 20 Centavos!“


Zwei Helikopter kreisen lärmend am Himmel, werfen Scheinwerfer-Licht auf eine Gruppe von Demonstranten. Um uns herum lauter Polizeiautos und Militärpolizisten in Kampfmontur. „Gegen was demonstrieren die Leute?“, frage ich João, der mit Ana, Maria, Gonzalo aus Argentinien und mir vom Strand zurückkommt. „Die Preiserhöhung bei den Bussen“, antwortet er.

Gelesen hatte ich bereits von gewaltsamen Protesten in São Paulo. Gesehen aber hatte ich bisher keine Demos; nur Sprüche wie „20 Centavos mehr: nein“ auf Fassaden geschmiert. Um diesen Betrag wurde der Ticketpreis im öffentlichen Nahverkehr in verschiedenen Städten Brasiliens erhöht.

Auf der Demo sehe ich Plakate auf denen „não são so 20 centavos“, es sind nicht nur die 20 Centavos, steht. Denn die Fahrpreiserhöhung ist Auslöser, gegen viele andere Ungerechtigkeiten aufzubegehren: Die Verschwendung von gewaltigen Summen bei der Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft, das miserable Bildungs- und Gesundheitssystem, die Korruption in der Politik und die Polizeigewalt. Dennoch geht es auch um eben diese umgerechnet etwa acht Euro-Cent. Denn die Verteuerung bedeutet für die Menschen hier etwas ganz anderes als etwa für mich die alljährlichen Preissteigerungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben.

Der Mindestlohn in Brasilien beträgt nämlich 680 Reais monatlich, das sind um die 235 Euro. Ein Zimmer in einer Wohnung in Rios Südzone kostet in etwa das Doppelte. Die meisten Menschen verdienen mehr, die Polizisten, welche die Demonstration überwachen, etwa 880 Euro. Doch Nahrungsmittel sind teuer in Brasilien und wer seinem Kind eine gute Zukunft ermöglichen will, schickt es auf eine kostenpflichtige Privatschule. So etwas wie eine Monatskarte existiert nicht für die öffentlichen Verkehrsmittel in Brasilien. Wer sich also etwa die Miete in Rio nicht leisten kann und deshalb von Niterói pendelt, zahlt den Bus zur Fährstation, die Fähre und danach eventuell noch ein bis zwei andere Busse. So kommen an die hundert Euro im Monat an Fahrkosten zusammen. Die 20 Centavos können also den Unterschied zwischen Knappheit und Existenzangst machen.


Die Menschen sind auch deshalb so wütend, weil die Transportmittel, für die sie mehr bezahlen sollen, so schlecht funktionieren: Die U-Bahn-Netze von Rio und São Paulo sind miserabel und die Straßen ständig verstopft. Mittags brauche ich 40 Minuten mit dem Bus von Rio nach Niterói, gegen 18 Uhr kann es auch einmal zweieinhalb Stunden dauern. In São Paulo beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit der Autos und Busse zur Rushhour 13 Stundenkilometer.

Die Busse fahren zudem ohne Fahrpläne. Erst konnte ich das gar nicht fassen, doch ein Fahrplan in einer ständig verstopften Stadt wäre eh nur eine Schätzung. (Rena erzählt mir die Geschichte von einem Brasilianer, der in Berlin am Flughafen ankam, die Abfahrtszeit eines Busses - 17.58 Uhr - für einen schlechten Scherz des Flughafenangestellten hielt und aus allen Wolken fiel, als er um 18 Uhr zur Haltestelle kam und der Bus abgefahren war.)

Weil es also um mehr geht als 20 Centavos und die Missstände im öffentlichen Nahverkehr, nehmen  die Proteste zu. Sie breiten sich in ganz Brasilien aus, werden zu den größten seit dem Ende der Militärdiktatur. In Rio marschieren Hunderttausende durchs Zentrum und auch in São Paulo, Brasilia und Belo Horizonte versammeln sich in Brasilien zuvor kaum gesehene Massen. Der konservative „Globo“, Brasiliens größter Medienkonzern, hört auf, von vermeintlichen Chaoten und Krawallmachern zu berichten und schlägt sich auf die Seite der Demonstranten, als offensichtlich wird, dass es sich um eine Massenbewegung handelt. Und die Preiserhöhung wird am 20. Juni zurückgenommen.


"Raus Globo!!!" - Wut über die konservative brasilianische Presse
Mit meinem Freund Georg, der mich besuchen kommt, schwimme und wandere ich auf der Ilha Grande, als die Proteste ihren Höhepunkt erreichen. Freunde aus Deutschland schreiben mir besorgte Nachrichten: In den deutschen Medien werden die Demonstrationen und die Polizeigewalt genau verfolgt, ein Jahr vor der WM in Brasilien. Während dort die Journalisten die Proteste analysieren und sie mit dem arabischen Frühling, den Protesten in Spanien und der Türkei vergleichen, genießen wir die Natur. Doch auch zurück auf dem Festland sehen wir nur eine Demo und fragen uns bereits, ob die Medien übertreiben. 

Dann aber erzählen uns Sarah und Neto von einer der Demos.  Sie sind bei der größten von allen mit marschiert, 300.00 Menschen waren es insgesamt im Zentrum von Rio auf der Avenida Presidente Vargas. Obwohl die allermeisten von ihnen friedlich waren, fuhr die Militärpolizei mit gepanzerten Fahrzeugen auf, kesselte die Teilnehmer ein und attackierte sie brutal mit Tränengas und Gummigeschossen. Dutzende mussten wegen schwerer Verletzungen ins Krankenhaus. „Ich habe so etwas noch nie in meinem Leben erlebt, es war die Hölle“, sagt Sarah. „Als wir mit Tränengas befeuert wurden, wollten wir wegrennen, aber die Militärpolizisten hatten den Weg abgesperrt und sogar U-Bahn-Eingänge abgeriegelt. Eine halbe Stunde lang saßen wir in dem Gasnebel fest und hörten Schüsse.“


Polizeigewalt in Rio, fotografiert von Denis Augusto

Bei einem Treffen der Nichtregierungsorganisation, bei der sie arbeitet, habe eine Kollegin ihr von einem Gespräch zwischen zwei Globo-Mitarbeitern erzählt, dass diese an einer Tankstelle gehört hatte. Sie hätten geplant, die Demonstration um halb neun zu verlassen, da es danach wohl gewalttätig werden sollte.  „Ein klares Zeichen, dass der Staat diese Attacke auf unschuldige Menschen geplant hatte“, sagt Sarah. Später am Abend eskalierte die Lage tatsächlich, es kam zu Straßenschlachten, Randalierer zündeten Autos an. In dieser Nacht protestierten brasilienweit fast zwei Millionen Menschen in mehreren hundert Städten.

Am Tag nach der Eskalation stellt Präsidentin Dilma Roussef einen Plan für ein besseres Brasilien vor, solidarisiert sich mit den Demonstranten und verspricht Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr und in Bildung und Gesundheit. Doch die Menschen geben sich damit nicht zufrieden und gehen weiter auf die Straße.

Ausschreitungen in Rio, fotografiert von Denis Augusto

Zunächst scheinen sie alle vereint in ihrer Wut. Die Bewohner der Favela Rocinha steigen vom morro auf den asfalto herab, um für ihre Rechte zu protestieren: Ein historischer Augenblick. Und auch Salome, die sonst eher konservative Ansichten hat, gegen Abtreibung und für die Herabsetzung des Mindeststrafalters ist, steht voll hinter den Protesten.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Rita erzählt sie Georg und mir von den Forderungen der Protestanten. „Wir fordern bessere Bildung“, erklärt sie aufgeregt in der ersten Person Plural, obwohl sie auf keiner Demo war. Außerdem soll dem Mínisterio Público nicht die Möglichkeit der Strafverfolgung entzogen werden, da das die korrupte und gefürchtete Polizei stärken würde. Korruption im Kongress soll endlich kriminalisiert werden, der bereits in mehrere Korruptionsskandale verwickelte Senatspräsident Calheiros zurücktreten und untersucht werden, wo die gewaltigen Summen für die Stadionbauten tatsächlich hingeflossen sind. „Endlich begehren die Menschen gegen all das auf, was schief läuft, statt sich immer nur zu beschweren. Das ist ein sehr wichtiger Moment für Brasilien“, sagt Salome stolz.

Ihr ist besonders wichtig, dass Bildung und Gesundheit verbessert werden in Brasilien. Sie erzählt uns die Geschichte der Angestellten einer Freundin, deren kleiner Sohn krank war. Im öffentlichen Gesundheitssystem bekam sie keine Hilfe und war zunehmend verzweifelt, sodass ihre Arbeitgeberin, die eine private Krankenversicherung besitzt, den Jungen in einem Krankenhaus als ihren Sohn ausgab.

Anderen Menschen hingegen sind andere Dinge wichtiger: Dass der verhasste Gouverneur des Staates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, zurücktritt. Oder dass die Ärzte besser verdienen sollen. Während die Proteste die Menschen zunächst zusammen schweißten, beginnen sie jetzt, zu zersplittern. Und auf einmal wollen die Studenten nicht mehr demonstrieren gehen.

Denn es gehen Gerüchte umher von Faschisten auf den Manifestationen und davon, dass rechtskonservative Gruppen die Regierung stürzen wollen. Eine Initiative, die einen kostenlosen Nahverkehr fordert und die Proteste in São Paulo initiiert hatte, distanziert sich öffentlich von der Bewegung. Diego erzählt mir: „Auf der letzten Demo waren nur ältere reiche Weiße, keine Schwarzen, keine Linken, keine Studenten. Sie haben gefordert, Dilma abzusetzen, dabei ist sie auf der Seite der Demonstranten und will Brasilien wirklich verändern. Dazu die ganzen Brasilienfahnen und die ‚ohne politische Parteien‘-Plakate – in meinen Augen nehmen die Proteste eine merkwürdige Richtung an und ich werde nicht mehr hingehen.“

So wie er halten es viele und die Proteste flauen ab. Vereinzelt kommt es noch zu Demonstrationen, doch es sind jetzt Hunderte und nicht mehr Tausende Teilnehmer, die vor allem die Absetzung der Gouverneure von Rio und São Paulo fordern und dabei oftmals randalieren. Das internationale Medieninteresse lässt nach, bald auch das nationale. Und als der Papst nach Brasilien kommt und in Rio der Zugang zur U-Bahn für Nicht-Pilger eingeschränkt wird, scheint wieder alles wie immer: Es wird geschimpft, aber nichts unternommen und die absurde Situation letztendlich mit Humor betrachtet. Dennoch ist die Stimmung nach den Protesten nicht die gleiche wie zuvor und die Brasilianer sind stolz, aufbegehrt zu haben. Und die Politiker wissen jetzt, dass sie es jederzeit wieder tun können.

Denis Augusto ist ein Bekannter von Rena.  Auch sie schreibt einen Blog und hat dort über die Proteste berichtet.

Freitag, 2. August 2013

Besuch aus Deutschland, Telenovelas und Saudade



5. Monat

Skype, Mails, SMS und Postkarten mussten drei Monate lang über 10.000 Kilometer Entfernung bei fünf Stunden Zeitverschiebung reichen für meinen Freund Georg und mich. Dann haben Warten und Sehnsucht ein vorläufiges Ende und er kommt mich endlich in Brasilien besuchen.

Unruhig schlafe ich die Nacht bevor er ankommt bei Ana und Maria auf dem Sofa und nehme um 6 Uhr früh ein Taxi zum Flughafen – Busse fahren zwar auch nachts um 5 Uhr von Niterói nach Rio, sie zu benutzen ist aber nicht empfehlenswert.

Während das eine vergleichsweise kleine Einschränkung ist, sind wir mit einer weitaus schwierigeren konfrontiert: Georg darf nicht in meinem Zimmer übernachten, denn Männer sind verboten in dem Haus, in dem ich wohne. So schlafen wir mal hier und mal dort im Wohnzimmer und ziehen schließlich für ein paar Tage in mein altes Zimmer in Fonseca zu Salome und ihrer Familie, wo die Schießereien  inzwischen vorbei sind.

Georg überrascht mich mit Detailwissen zu Rio und Brasilien, das er sich in den vergangenen Monaten angelesen hat und wir diskutieren viel über all das, was in diesem Land nicht funktioniert und was es dennoch lebenswert macht. Dabei merke ich, wie empfindlich ich auf seine kritischen Beobachtungen reagiere. Es ist paradox: Bevor Georg kam, war ich die Deutsche in Brasilien, die sich lustig macht darüber, dass es keine Busfahrpläne gibt, die Busfahrer rasen wie Verrückte, die Kassiererinnen miteinander plaudern und in Zeitlupe arbeiten, das Internet im Internetcafé nicht funktioniert und die Drucker in der Druckerei. Jetzt bin ich diejenige, die sich ausgesucht hat, Portugiesisch zu lernen und in diesem Land zu studieren. Und plötzlich fühle ich mich verantwortlich vor ihm für alles, was schief läuft und bin beleidigt, wenn er meine Wahlheimat kritisiert.

Doch weder dieser Umstand noch das regnerische Wetter (es ist inzwischen Winter in Brasilien) können unserer guten Laune etwas anhaben. Wir schauen vom Stadtpark in Niterói der Sonne zu, wie sie hinter dem Zuckerhut verschwindet, spazieren den Strand von Ipanema entlang und klettern auf die dois irmãos („zwei Brüder“), zwei skurril geformte Hügel am Ende der befriedeten Favela Vigidal. Über die Fliesentreppen des chilenischen Künstlers Selarón erreichen wir Rios Bohème-Viertel Santa Teresa und genießen bei einem frisch gepressten Fruchtsaft den Blick auf Rios Zentrum. In Pedra do Sal gehen wir zur Roda de Samba, eine Art Jamsession für Samba-Musik. Jeden Montag versammelt sich dort eine Gruppe von Musikern und beglückt ein internationales Publikum mit Trommelmusik und Gesängen. Der historische Platz ist das Herz der schwarzen Kultur Rios, dort wurde, so heißt es, der Samba erfunden. 

Blick auf Rio vom Stadtpark aus

 
Blick auf Rio von den "zwei Brüdern" aus
Roda de Samba

Fliesentreppe von Selarón

Gemeinsam bereisen wir außerdem die Höhepunkte im Bundesstaat Rio de Janeiro: Die malerische Kolonialstadt Paraty, so nah am Meer gebaut, dass die Kopfsteinpflaster-Gassen regelmäßig überschwemmt werden, die grüne Insel Ilha Grande, die Strände, Berge und Wälder zu bieten hat und das Hippiedorf Sana, voller Wasserfälle und Wanderpfade.

Paraty

In unserer Unterkunft in Paraty schalten wir den Fernseher ein: eine kleine Kultur-Lektion. Abends laufen Telenovelas, kitschige und billig produzierte Sendungen mit den immer gleichen Schauspielern, die täglich über einige Monate laufen, bis alle potenziellen Paare sich bekommen haben. Manche Novelas behandeln auch soziale und politische Themen wie Rassismus und Klassenunterschiede. Meistens sind die Protagonisten aber hellhäutig und wohlhabend. Als es zum ersten Mal eine schwarze Protagonistin gab, war das eine kleine Sensation. Die Serien gehören zum Alltag der Brasilianer: In den Bussen laufen neben Nachrichten, Horoskop und Wetterbericht auf kleinen Bildschirmen auch die „Zusammenfassung der Novelas“ und mehrere Zeitschriften sprechen nur über die Stars der Sendungen.

Morgens hingegen laufen im Fernsehen Aufnahmen von Gottesdiensten der Freikirchen. 35.000 solcher Kirchen gibt es heute in Brasilien. In den letzten Jahren haben sie enormen Zulauf gehabt. Gaben im Jahr 1960 noch 91 Prozent der Menschen an, katholisch zu sein, waren es 2000 nur noch knapp 74 Prozent. Vor allem die ärmeren Menschen fühlen sich angezogen von den Heilsversprechen und den Event-artigen Messen, bei denen der Pfarrer Lieder über seine Liebe zu Jesus singt und die Menschen sich in Ekstase tanzen. Für dieses Erlebnis geben sie bis zu zehn Prozent ihres Einkommens an die Kirche ab, weswegen diese Einrichtungen von vielen Brasilianern scharf kritisiert werden.

Selbst im winzigen Sana kommen wir an einer gut besuchten Igreja Universal de Deus („Universalkirche Gottes“) vorbei. „Die sind nur dazu da, den Armen das letzte bisschen Geld wegzunehmen“, sagt unser Wanderführer, als ich ihn nach der Kirche frage. Während er uns zum höchsten Gipfel Sanas leitet, erzählt er uns vom aufkeimenden Ökotourismus in dem Ort, der in keinem Reiseführer erscheint. Er hofft auf mehr Investitionen in den Tourismus und vor allem darauf, dass die Gegend zum Nationalpark erklärt wird. Dann hätte die Viehzucht und damit die Zerstörung der Natur ein Ende und es würden Gelder in weitere Wanderwege fließen.
 
So könnte er ein vernünftiges Gehalt verdienen als Guide, während er jetzt gerade so über die Runden kommt: Das Wasser in Sana ist so sauber, dass er es aus der Leitung trinken kann, Freunde geben ihm Essen aus ihren Gärten und die Miete in dem Ort ist niedrig. Woanders würde es nicht zum Überleben reichen, erzählt er uns, auch nicht in Niterói, wo er geboren ist. Heute sei dort alles so teuer, dass er nicht länger als drei Tage bleiben könne, wenn er seine Familie besuche, sagt er. „Aber meine Kindheit war toll: Niterói war viel ruhiger und sicherer, die Hochhäuser in Icarai standen vor 20 Jahren noch nicht und es gab fast keine Autos in der Stadt. Ich habe barfuß auf der Straße gespielt und bin auf Bäume geklettert. Unglaublich, wie sich die Stadt seitdem verändert hat.“

Er erzählt Georg und mir, was sich seit seiner Kindheit alles zum Negativen gewandelt habe in Brasilien. Wenn er in die nächstgrößte Stadt fährt, lasse er seine Armbanduhr zu Hause: „Überall musst du Angst haben, überfallen zu werden.“ 

Das Gleiche erzählt uns mein ehemaliger Mitbewohner Pablo. Seine Markenkleidung trägt er nur in seiner Heimatstadt im Bundesstaat von São Paulo und nicht in Rio und Niterói. Die starke Polizeipräsenz in den beiden Städten ändert daran nichts, im Gegenteil. Wie fast alle Brasilianer hat er auch schon eine negative Erfahrung mit einem Polizisten gemacht. Als zwei Typen ihn eines Nachts überfallen wollten und ihm die Nase blutig schlugen, als er sich wehrte, parkte am Ende der Straße ein Polizeiwagen. Der Beamten reagierte auf Pablos Schilderung des Geschehenen mit der  Bemerkung: „Und, soll ich jetzt deine Mutter anrufen oder was?“ „Natürlich habe ich nichts weiter gesagt, sondern bin gleich gegangen. So einer kann dich mit auf die Wache nehmen und dir eine Höllen-Nacht bereiten, wenn er sich von dir provoziert oder beleidigt fühlt“, erzählt Pablo. Er träumt von einem Leben in den USA, hat aber gleichzeitig Angst davor. „Ich habe gehört, die Leute da sind kalt und niemand redet miteinander auf der Straße“, sagt er.

Ein typisches Phänomen in Brasilien: Viele Leute wollen das Land verlassen, können sich aber andererseits nicht vorstellen, woanders zu leben, da sie dort sofort die saudade packen würde, die Sehnsucht, Wehmut oder Melancholie. Ein Wort, für das es keine genaue Übersetzung gibt und das für mich Brasilien repräsentiert wie kein anderes.

Nach zwei wunderschönen Wochen, in denen mein Freund meine Wahlheimat ein bisschen besser verstehen gelernt hat (vollkommen wird das selbst mir nicht gelingen, auch nicht nach einem halben Jahr), bringe ich ihn zum Flughafen. Von jetzt an sind wieder Sehnsucht und Skypen angesagt bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland.